Der Zertifizierungsdschungel in der Textilbranche: Zertifizierungen, die wirklich von Bedeutung sind

Kleidung ist so viel mehr als Mittel zum Zweck, sie ist Kommunikationsplattform und Imageträger zugleich. Daher ist es kein Wunder, dass immer mehr Unternehmen auf nachhaltige sowie fair produzierte Kleidungsstücke setzen und das am besten in Bezug auf die gesamte Lieferkette. So haben über die vergangenen Jahre die unterschiedlichsten Zertifizierungen und Gütesiegel Einzug in den Textilmarkt gehalten. In diesem Dschungel noch einen Überblick zu behalten, ist gar nicht so einfach. Wer setzt sich wofür ein und welches Zertifikat deckt welche einzelnen Stationen der textilen Lieferkette ab? Diese Fragen möchten wir in diesem Blogbeitrag beantworten und einen Überblick über die bedeutsamsten Zertifikate in der Textilbranche geben.

GOTS – Global Organic Textile Standard:

Die GOTS-Zertifizierung ist ein weltweit führender Standard der Textilien kennzeichnet, die aus biologisch erzeugten Naturfasern stammen. Der gesamte textile Herstellungsprozess wird dabei von diesem Zertifikat abdeckt – von der Rohstoffgewinnung, über die umweltschonende Herstellung, bis hin zur sozialen Verantwortung während der gesamten Produktionskette. Das heißt es dürfen beispielsweise ausschließlich biologische Mittel zur Verarbeitung der Rohfaser genutzt werden. Und auch soziale Kriterien wie Mindestlöhne und geregelte Arbeitszeiten, müssen auf Basis der Normen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingehalten werden.

Unternehmen, die am GOTS-Zertifizierungsverfahren teilnehmen möchten, müssen mindestens sieben Kriterien des Standards erfüllen bzw. offenlegen, wie zum Beispiel die Buchführung zur Überprüfung des Warenflusses, der verwendeten Textilhilfsmittel sowie die unterschiedlichsten sozialen Kriterien.

BSCI - Business Social Compliance Initiative:

Beim sogenannten BSCI-Siegel handelt es sich um eine Mitgliedsinitiative der Handelsvereinigung Foreign Trade Association (FTA). Ziel dieses Siegels ist die weltweite Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Ferner verpflichtet man sich als Mitglied dieser Initiative, der Einhaltung eines festgelegten Verhaltenskodex, der einheitliche Sozialstandards innerhalb der Lieferkette schafft. Dabei liegt die Konzentration nicht nur auf der Textilbranche – das BSCI-Siegel ist für alle Branchen anwendbar. Durch regelmäßige Audits werden die Mitglieder überwacht und bei der Umsetzung der Kodexregeln unterstützt.

Das BSCI-Siegel darf tragen, wer Mitglied der Initiative ist. Dieser Status lässt sich erzielen, wenn mindestens zwei Drittel der eigenen Lieferanten nach dem Kodex auditiert worden sind

FAIRTRADE:

Das FAIRTRADE-Siegel zeichnet Waren aus fairen Handelsbeziehungen aus. Dazu zählen zum einen soziale und ökologische, aber auch ökonomische Kriterien. Hierbei unterscheidet FAIRTRADE zwischen verpflichtenden Kernkriterien, die „fix“ sind und dauerhaft gelten und zwischen Entwicklungskriterien, für dessen Erfüllung sich ein jeder Produzent innerhalb eines festgelegten Zeitraums verpflichtet. Was FAIRTRADE besonders beliebt bei Konsumenten macht ist die Tatsache, dass das Siegel seinen Bio-Bauern einen Mindestpreis zahlt, der die durchschnittlichen Produktionskosten für eine nachhaltige Produktionsweise abdeckt und bei Erfüllung der Kriterien eine Prämie zahlt, die in erster Linie sozialen Projekten in der Region dienen soll.

Um ein Produkt mit dem FAIRTRADE-Siegel schmücken zu können, ist ein Zertifikat der unabhängigen Zertifizierungsstelle FLOCERT GmbH notwendig. Außerdem ist ein Lizenzvertrag mit TransFair e.V. verpflichtend sowie die Abführung von Lizenzgebühren, welche nach Produktkategorie errechnet und für jeden einzelnen FAIRTRADE-Verkauf anfallen.

FAIR WEAR FOUNDATION:

Anders als beim FAIRTRADE-Siegel liegt das Hauptaugenmerk der FAIR WEAR FOUNDATION auf den Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie. Um stetig Verbesserungen dieser Bedingungen zu erzielen, prüft und bewertet die Foundation die Produktionsstätten und -länder regelmäßig und berichtet öffentlich über die Fortschritte der jeweiligen Mitgliedsunternehmen. Dabei liegt die Konzentration besonders auf den arbeitsintensivsten Produktionsphasen. Hierbei handelt es sich nicht um die Stoffherstellung, sondern um den Hauptproduktionsprozess, das Nähen.

Da die FAIR WEAR FOUNDATION eine gemeinnützige Non-Profit-Organisation ist, ist bereits eine Mitgliedschaft unter Einhaltung dreier Kriterien möglich, wie u.a. ein festgelegter Mindestumsatz sowie ein Produktionsanteil von 50% in FWF aktiven Ländern.

STANDARD 100 by OEKO-TEX®:

Ein anderes Ziel verfolgt der STANDARD 100 by OEKO-TEX®. Hierbei handelt es sich um ein unabhängiges Zertifizierungssystem, welches Roh-, Zwischen- und Endprodukte auf gefährliche Chemikalien und Schadstoffe überprüft. Alle Verarbeitungsstufen sowie verwendete Zubehörmaterialien wie Garn, Knöpfe oder Etiketten, werden dabei geprüft. Erst nach Überprüfung aller einzelnen Bestandteile, darf das Endprodukt das OEKO-TEX Label tragen. Besonders hautnahe Textilien unterliegen strengen Anforderungen, da bestimmte Grenzwerte zwingender Einhaltung unterliegen. OEKO-TEX ist damit wohl das beliebteste und bekannteste Label auf dem Textilmarkt, mit der Blume als Wiedererkennungsmerkmal.

Um Textilien mit dem OEKO-TEX-Zertifikat versehen zu können, sind Labortests mit knapp einhundert Prüfparametern notwendig, unter Berücksichtigung des späteren Verwendungszwecks. Außerdem müssen zahlreiche gesetzliche Reglementierungen eingehalten werden, welche ebenso wie die Labortests von unabhängigen OEKO-TEX Instituten geprüft werden.

MADE IN GREEN by OEKO-TEX®:

Bei MADE IN GREEN by OEKO-TEX® handelt es sich um ein Produktlabel, welches es dem Verbraucher ermöglichen soll, die einzelnen Schritten der Textilproduktion transparent nachvollziehen zu können. Mit dem MADE IN GREEN-Label ausgezeichnete Produkte, lassen sich anhand einer individuellen Labelnummer im Textilinneren online überprüfen und machen die Lieferkette so für Unternehmen bewertbar. Das Produktlabel besteht quasi aus den zwei Einzelzertifizierungen von OEKO-TEX, der bereits zuvor erläuterten Zertifizierung STANDARD 100 by OEKO-TEX® und aus der STeP by OEKO-TEX®. So werden innerhalb des MADE IN GREEN by OEKO-TEX®-Zertifikats, der Einsatz von schadstoffgeprüften Materialien mit der Produktion in umweltfreundlichen Betrieben und sozialverträglichen Arbeitsplätzen vereint.

Das MADE IN GREEN by OEKO-TEX®-Label dürfen Textilien tragen, die STANDARD 100 sowie GREEN by OEKO-TEX® zertifiziert sind. Außerdem ist die Arbeit mit der OEKO-TEX®-Datenbank MyStep verpflichtend, die der Verwaltung und Überprüfung der Lieferkette dient.

Auditierte Prüfgesellschaften stellen unabhängige Zertifikate aus

Doch wie erhalten textile Produkte überhaupt Gütesiegel und Zertifikate und wer stellt diese aus? Unternehmen, die ihre Textilien mit Zertifizierungen kennzeichnen lassen möchten, können sich hierzu an auditierte Prüfgesellschaften, wie beispielsweise Hohenstein oder Intertek wenden. Diese Dienstleistungsanbieter bieten gesamtheitliche Lösungen zur Qualitätssicherung an, prüfen und inspizieren Betriebsabläufe sowie Lieferketten und stellen unabhängige Zertifikate aus. Durch zertifizierte Textilien ist es nicht nur möglich sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten zu verschaffen, sondern auch das eigene Ansehen im Markt zu steigern – auch wenn ein Zertifikat nicht immer unbedingt etwas über die Qualität eines Textils aussagt. So ist vielleicht auch Ihr zehn Jahre alter Pullover aus dem Kleiderschrank, noch immer in Schuss und das ganz ohne Textilsiegel im Innern.

Die einzelnen Stationen der textilen Lieferkette sind entscheidend

Ihnen ist es ein Anliegen auf nachhaltige, zertifizierte Kleidung zu setzen? Da es kein offizielles Gütesiegel gibt, welches einer gesetzlichen Pflicht unterliegt und absolute Transparenz in Produktions- und Lieferkette verspricht, sollten Sie sich zunächst Gedanken darüber machen, welche Eigenschaften in puncto Nachhaltigkeit für Sie unerlässlich sind. Auf welche Station im Rahmen der textilen Lieferkette legen Sie am meisten Wert? Auf faire Arbeitsbedingungen, schadstofffreie Rohfasern oder doch eher auf eine umweltfreundliche Herstellung Ihrer Textilien? Haben Sie auf diese Frage eine Antwort gefunden, sollten Sie sich die einzelnen Zertifikate nochmals zu Gemüte führen und entscheiden, auf welches Sie in keinem Fall verzichten können und möchten. Auf dieser Grundlage fällt es Ihnen gleich viel leichter, das richtige Markentextil zu finden.

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